Buchmesse, remember?

(Dieser Text erschien zuerst auf der Seite Jazznrhythm.com)

Das mit der Buchmesse in Frankfurt ist so eine Sache. Wer schon einmal dort war, weiß, sie ist unheimlich anstrengend, motivierend und desillusionierend. Und das alles gleichzeitig.

Anstrengend ist sie, weil es im Grunde um kleinteiliges Papier geht, dessen Betrachtung in der Regel Zeit und Ruhe benötigt. Nichts davon bietet die Buchmesse. Keine Zeit und keine Ruhe. Das Beste scheint, man nimmt alles mit, was gefällt – also Flyer, Prospekte, Karten, Tüten und noch mehr – , um es , wenn möglich, daheim zu sichten. Der Effekt der sich dann einstellt, erinnert an einen Tag Wanderung im Hochgebirge. Die Schultern tun weh, weil die Taschen voll Papier daran hingen, die Füße, weil sie ca. 30 km gehen mussten, der Kopf, weil alles so viel und aufregend war, und wenn man ganz viel Pech hatte, hat man sich eine Erkältung eingefangen. Denn draußen, zwischen den Hallen ist es entweder zu kühl oder zu warm, oder je nach Tageszeit abwechselnd, und drinnen sind viel zu viele Menschen mit viel zu vielen Viren. Das ist der anstrengende Teil. 

Motivierend ist es, weil scheinbar alle Menschen schreiben. Jeder, immer, überall. Und alle Menschen haben die Chance ein Buch heraus zu bringen. Wie auch immer man es anstellen will, irgendwie scheint es zu gehen. Entweder on demand, oder über Amazon, oder im Selbstverlag oder, oder, oder. Die Buchmesse bietet darüber Vorträge an, Autor*innen berichten von ihren Erfolgen, Verlage zeigen Chancen auf und eine ganze Halle ist gepropft voll  mit Agent*innen. Es scheint, als müsse man sich schon sehr dumm anstellen, um keinen Bestseller zu produzieren. Bedauerlicherweise sind Beststeller selten, die Honorare gesunken, und die Zahl der Schreibenden unendlich. Aber davon ist auf der Buchmesse nicht die Rede, und darum ist es eine wahre Dusche der Inspiration und Schreibenslust. Und das meine ich wirklich ernst. Wer nach der Buchmesse nicht sofort ein Projekt starten will, war nicht lange genug dort.

Aber, ich habe es eben schon angedeutet: Die Buchmesse ist vor allem, und immer noch – wahrscheinlich sogar mehr als früher – ein großes Business, an dem sich mehr und mehr internationale Player beteiligen. Es geht um Rechte, Verlagsaufkäufe, Verdrängung, Digitalisierung, darum die Preise zu brechen, die Bindung zu lösen, die Kleinen zu knechten, den kommerziellen Auswurf zu vergrößern, den Markt zu vereinnahmen und zu beherrschen. Und von Jahr zu Jahr verschwinden altgediente Mitspieler*innen und ganz neue Namen tauchen auf. Die Buchmesse hat ganze Hallen in denen es nur um Dienstleistungen in der Produktion und den Verkauf geht. 

Ich erinnere ich mich, als ich in den achtziger Jahren auf einer der ersten Buchmessen war, und dort noch Buchbinder*innen bei der Arbeit zusehen konnte. Damals schon ein Anachronismus für Liebhaber*innen. Aber es war eine ganze Werkstatt, die aufgebaut wurde. Dort wurde Buntpapier geschöpft, die Fadenheftung erklärt und vieles mehr. Es gab restaurierte Bibeln zu betrachten und Ledereinbände. Pures Handwerk. 

Heute steht dort meistens ein Kochstudio, sehr professionell, fast wie eine Restaurantküche und zieht die Massen an. 

Die Buchmesse ist in erster Linie ein Geschäft und versucht seit vielen Jahren neues und auch anderes Publikum anzuziehen. Wer hätte gedacht, dass Mangas und Cosplay mal ein wichtiger Bestandteil wird, während sich die Verlage, die das einst ausgelöst hatten, sukzessiv von der Frankfurter Buchmesse zurückzogen. Die großen Comicverlage haben lange schon eigene Messen und scheue mittlerweile den Aufwand sich zwischen der Belletristik zu tummeln. Die Cosplayer sind immer noch da, der große Verlag spielt aber keine Rolle mehr. 

Das sah und sieht immer so aus, als ob die Buchmesse ein bißchen mehr an ihrer Rolle und Definition arbeitet, als ob sie versucht mit der Verdrängung durch große Online-Kaufhäuser Schritt halten will. 

In all den Jahren habe ich an der Buchmesse vor allem zu schätzen gewusst, dass sie mir einen Einblick gewährte in Märkte, die ich nicht kenne, und die nicht beobachten kann. Kleine und große Länder, die in Gemeinschaftshallen Autor*innen zeigen, denen ich ihm hiesigen Handel nie begegnen werde. Die großen Online-Händler liessen die Welt klein werden, aber mein eigener Sprachschatz ist zu gering, um all die Bücher im Original zu lesen. Auf der Buchmesse konnte ich sie bisher wenigstens durchblätter.

In diesem Jahr findet sie gerade mal virtuell statt. Zu wenig, um mich zu begeistern. Alles, was dieses Jahr virtuell stattfindet, wirkt wie eine schmerzende Erinnerung an vergangene Zeiten. Schon deswegen hadere ich mit den virtuellen Erlebnissen. Es will sich dabei selten etwas positives einstellen, meistens ist nur eine Prise Wehmut, und die Hoffnung, dass wir uns nächstes Jahr wieder drängeln, drücken, und verschwitzt durch die Hallen ziehen, um danach noch tagelang davon zu zehren, aber auch mit schmerzenden Füßen daran erinnert zu werden.

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Andreas