Der Aufbruch (Kapitel 1. Seite 2. Version 0.1)

Adam Green verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf Reisen. Er wählte mit Bedacht  seine Tätigkeit immer danach aus, welche Reisen sie ihm ermöglichen konnte. 

Er lockerte seine Krawatte. Neben ihm ergossen sich die Regentropfen, zogen Schlieren über die Scheiben, lösten sich und verloren sich hinter ihm. Es war so früh am Morgen, dass die Straßen noch frei waren. Nur vereinzelt überholt sie ein anderer Wagen. Sie umkreisten die Stadt, der Fahrer wählte geschickt Umgehungen, und Adam bewunderte wieder dieses vielschichtige Bild, das New York aus der Ferne bieten konnten. Eine Stadt, die an jeder Stelle zeigte, wie modern und gebunden an sie anihrer Geschichte war.

Er betrachtete New York nicht als Heimat. Sie war ein Aufenthaltsort. Hier lebte Martha und sein Sohn. Er jedoch war ein Reisender. Sie hatten sich sehr früh geeinigt. Es war kein bewusster Tausch, doch irgendwann wurde es ihm klar. Wohlstand gegen Freiheit. Ein Arrangement, mit dem sie beide zu leben gedachten. Sie hatte Freundinnen, ein Leben das er nicht teilte. Menschen um sich, die ihm fremd waren. Und er begann diese Partys zu hassen, auf denen er immer und immer wieder erklären musste, was sein Job war. Und er log und lachte, und lachte und log, und keiner wußte, wem er letzte Nacht die Waffe an die Schläfe gehalten hatte. 

Der Verkehr verlor seine Flüssigkeit, Ampeln kamen ins Spiel, es ruckelte, sie standen, sie fuhren, der Fahrer fluchte leise vor sich hin, sah nach hinten und Adam lächelte unbewusst. Es war seine Art, die Umgebung zu klären, allen ein gutes Gefühl zu geben. In den Raum kommen, lächeln, etwas lauter reden, alle begrüssen, offen sein für die Witze, selbst wenn sie keine waren und auch der Taxifahrer hatte verdient sich wohlzufühlen.

Es war bereits die dritte Ampel und er starrte mißmutig vor sich hin. Martha hatte alles selbst organisiert. Sie war gut darin, zu organisieren. Sie tat alles, was getan werden musste, in seiner Abwesenheit. Sie war eine wunderbare, selbständige Frau. Seine Liebe war eine Mischung aus Anstand, Respekt und der Ahnung, dass er sowieso niemand besseren finden würde.

Martha liess er zurück und sie regelte alles vertrauensvoll. Liebe, so dachte er, war auch Verlässlichkeit. Es geschah, wie es geschehen musste. Die Wehen traten ein. Martha hatte die Tasche geschnappt, den Beeper aktiviert, die Nachricht losgeschickt. Und sie erreichte ihn mitten in der Sitzung. 

Kein Tag ohne Sitzung. Egal wo er war. Er lehnte sich zurück. Sie hatten sich angestarrt, über den Schreibtisch hinweg.

“Tatsächlich müssen wir damit rechnen, dass die Welt sich wandeln wird. Wir arbeiten eng mit Organisationen zusammen, die sich nicht beschränken auf das was wir wissen.”

Noch hatte er die Fotos in der Hand. Unscharfe Schwarzweissbilder, viel von einem Rätsel und ihre Thesen in keiner Weise unterstützten.

“Ich sehe da, verdammt noch mal, überhaupt nichts. Der Bursche lacht mich doch aus. Ihr habt es gesehen. Oder?”

Es trennte sie nur eine Mauer vom Verhörzimmer. Und offiziell gab es weder diesen Raum, noch das Zimmer, noch Gefangene. Ein normales Bürogebäude, in einem Baustil aus der Jahrhundertwende, nachträglich mit einer Tiefgarage ausgestattet, und einem Fahrstuhl, der lautlos nach oben gleiten konnte und dabei keinen Schall aus dem Innneren transportierte. Chicago sollte es sein. Niemals Washington. In Washington war schon zuviel. Es gab keinen Auftrag, keinen Schutz, keine Beteiligung irgendeiner Regierung, nur eine Ahnung und der jagten sie schon wochenlang hinterher. Adam saß am Tischende und sortierte die Fotos immer wieder neu vor sich. Sie ergaben keinen Sinn.

“Kein Mensch kann hier ein Gesicht erkennen. Und wenn, was sagt uns das? Fremde Männer haben sich an einem fremden Ort getroffen. Vielleicht spielten sie zusammen Backgammon oder sahen sich ein Footballspiel an. Vielleicht veranstalteten sie ein Barbecue, verdammt. Himmelherrgottnochmal, bringt die Quelle hierher. Ich will die Quelle. Ich kann hier überhaupt nichts machen.”

“Die Quelle will nicht genannt werden. Wir können uns nicht auf sie berufen.”

“Ihr seid wirklich gut, ihr wollt das ich die Scheisse aus dem Typen raus prügle, aber ich habe nichts. Nicht, was ihn irgendwie beeindruckt. Ihr habt einen Bauern aus einem Land entführt, dessen Namen wir nicht mal aussprechen können, und behauptet, er wolle die Welt ändern. Wie? Verflucht, mit seinen Schafen ? Schaut euch den Typen an.”

“Die Akademie lag bisher mit ihren Behauptungen ziemlich richtig. “

“Ah, die ominöse Akademie steckt dahinter. Männer, die auftauchen, wenn wir sie nicht brauchen, die genau dort sind, wo wir sie nicht mal ansatzweise vermuten. Und die immer einen Tipp zum Thema Weltuntergang haben. Es gibt nichts, aber auch rein gar nichts, was sich in unseren Akten zu dem Verein findet, aber ständig schmeisst mir jemand Spuren auf den Tisch, die ich nicht mal ansatzweise beurteilen kann. Und das hier, das ist der Hammer. Mir diesen Burschen in eine Zelle schmeissen, der mich anschaut als sei ich der leibhaftige Teufel. Wenn ihr einen Feind wollt – jetzt habt ihr einen. Wenn ihr ihn tötet, dann seid ihr das Problem vielleicht los, aber dann macht euch darauf gefasst, aus der Nummer nicht mehr raus zu kommen. Keine Chance.”

In Chicago war der Mann immer noch in Ketten. Am Tisch gefesselt. Irgendjemand saß ihm gegenüber. Jemand, der natürlich seine Sprache nicht verstand. Der Mann war bärtig, hatte dunkle Augen, eine sonnengebräunte Haut. Er sah soviel älter als er war. Sie wirkten wie Greise, dachte Adam, dabei hatten sie noch nichts von der Welt gesehen, außer, dass was sie dem Land abrangen. Der Mann würde da sitzen, bis Adam wieder zurück kam. Sie warteten auf Adam, solange es sein musste. 

Er hatte nicht aufgepasst. Sie befanden sich auf irgendeiner Hauptstrasse. New York war eigentlich einfach, aber das Licht diffus, der Regen immer dichter, und da war nichts zu erkennen, was ihm bekannt vorkam. Die Straße schien frei, das Taxi beschleunigt. Es dauerte schon zu lange, das Taxameter war ausgeschaltete. Die Fahrt vom Flughafen hatte eine Pauschale, da gab es nicht soviel zu verdienen. New York gab es immer zum selbe Preis.

Der Aufbruch (Kapitel 1. Seite 1. Version 0.1)

Dan Heinlein war der durchschnittlichste aller Träumer. Kaum dem Kinderwagen entwachsen, wurde ihn schon ein Geschwindigkeitsrausch zuteil, der es ihm erlaubte, den wichtigen Dingen keine Bedeutung mehr bei zu messen.

Sein Onkel schnallte ihn auf den Nebensitz, strahlte ihn an, sprach unverständliche Worte, aber lachte. So lachte Dan zurück.

Und die Scheibenwischer tanzten ein wildes Spiel in all der Flut, die sich über sie ergoß. Der Onkel fuhr mit einem Lächeln auf den Lippen, blinzelte in die Lichter und erfreute sich daran, mit seinem Neffen durch die Nacht zu fahren. Es war in den frühen Morgenstunden. Und Dan sollte kein Einzelkind mehr bleiben. 

Martha Landbilt lag mit Wehen in einem viel zu großen Krankenhaus in New York. Die Verwandten macht sich auf zu ihr zu eilen. Eine Telefonkette hatte fast alle erreicht. Es war ein Lachen und eine Aufregung. Auch ihr Mann, Adam Green, saß schon in einem Taxi, und sah die dunkle Silhouette, dieses Lichtermeer der Großstadt auf sich zukommen. Er war der Vater, und wußte seinen Sohn in guten Händen. Im Flughafen hatte er einen Strauß gefunden, der auf der Rückbank neben ihm lag. Er sah kurz darauf, versank zurück ins Polster. Auf dem Armaturenbrett stand die kleine Statue eines indischen Heiligen, der mit dem Kopf wackelte, wenn sie über die Unebenheiten fuhren. Zum Geruch des Meeres mischte sich der Duft der Stadt. Sie kam näher.

Alle wollten sie dabei sein. Deswegen hatte Claus Landbilt, den kleinen Dan aus dem Bettchen gehoben, ihn frisch gewickelt, in das Superman T-Shirt gesteckt und auf dem Beifahrersitz festgezurrt. Sie hatten gestern alle viel gefeiert, das Feuerwerk angesehen, und gehofft, dass Martha ihre Tochter noch am 4 Juli bekommt. War nicht der Fall. Es klappte nie etwas. Selbst wenn fest daran geglaubt wurde. Claus steuerte das Auto wie ein Schiff durch die Fluten. Die ersten Pendler schossen an ihm vorbei, versuchten aus den Rändern der Stadt ihr Zentrum zu erreichen . Lange bevor die Straßen sich verstopften.

„Du wirst ein Schwesterchen bekommen.“ Frohlockte Claus, und seine Stimme klang wie immer viel zu hoch. Er spürte noch etwas von dem Bier des gestrigen Abends, aber es hob seine Stimmung, und er mochte seinen Neffen, strahlte ihn an, wie der Mond, der noch über dem Fluss hing und die Stadt beschien. Viele hatten sich noch frei genommen, um den Morgen mit der Familie zu verbringen. Auch Claus, immer noch ohne Familie, und schon in den späten Zwanzigern, wollte heute nicht zur Arbeit gehen. Er hatte alle Termine gestrichen, seine wichtigsten Nachrichten bereits verschickt und hoffte auf einen Tag, an dem ihn mal keiner zurück rief.

„Wir sollten sie Martha nennen, wie deine Mutter.“

Dan gluckste, spuckte etwas aus und verfolgte mit dem Finger die Scheibenwischer.

„Sie war ein schönes, aber auch wildes Kind. Keiner konnte Martha bändigen. Sie tat einfach was sie wollte. Sie tut es immer noch. Armer Adam. Du wirst bestimmt wie sie. Obwohl da sicherlich nicht gut ist, oder, wenn ein Junge wie du, wie seine Mutter wird. Aber du hast viel von uns Landbilts, Kleiner. Viel. Du bist einer von uns. Du bist mehr wie ich Ich sehe das.“

Die Scheibenwischer eilten hin und her, die Flut des Regens nahm zu, und überdeckte in einem beständigen Film die Frontscheibe. Die Lichter zersprangen, setzten sich zusammen, eilten voraus, die Scheibenwischer ächzten und Dan lachte über das Farbenspiel.

Claus kannte den Weg. Er hatte Martha schon häufiger zu den Untersuchungen gefahren. Natürlich war es kein staatliches Krankenhaus. Sein Vater hatte alles geregelt. Im Hause Landbilt werden die Dinge geregelt, dachte Claus. Sie passieren nicht, sie werden geregelt. Alter Grundsatz. 

Er wechselte die Spur, fädelte sich ein. Blinkte wieder. Bog nach rechts ab. Wirbelte ein bißchen zu stark, merkte das ein Rad durchdrehte, verstand nicht so ganz, fing den Wagen wieder und lachte erschrocken.

Dan lachte auch. 

Sie fuhren durch die  Nacht. New York glänzte, als wäre es gerade neu geschaffen worden. Wie eine Spielzeugstadt aus Plastik.